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30 Jahre Thesauros AG

Am 1. August 2019 feierte die Thesauros ihr 30-jähriges Bestehen. Zur Feier dieses besonderen Anlasses wird im Jubiläumsjahr eine Broschüre herausgegeben.

Als Auszug finden Sie hier bereits einen Gastbeitrag zum griechischen Schatzhausbau. Der Fachartikel "Wettstreit und Gemeinschaft. Überlegungen zum griechischen Schatzhausbau" erschien in der 53. Ausgabe des Magazins "DAIDALOS. Architektur Kunst Kultur" und beschäftigt sich mit dem antiken Thesauros, welches Namensgeber unseres Unternehmens wurde.

Wettstreit und Gemeinschaft – Überlegungen zum griechischen Schatzhausbau

Von Michael Müller

Unser Bild von der antiken Architektur der Griechen ist durch die große Ringhallentempel geprägt. Es ist ihre monumentale Einfachheit, ihre Autarkie gegenüber der landschaftlichen und baulichen Umgebung, es ist die tektonische Logik ihrer Formen, die sie für die Baukunst der folgenden Jahrhunderte zum Vorbild werden ließ. In den Schatzhäusern, die in den panhellenischen Heiligtümern, nicht weit von den monumentalen Tempeln, standen, begegnet uns eine ganz andere Bauauffassung. Wenig größer als Remisen, waren die Schatzhäuser gebaute manifeste, die ihre Botschaft in einer offenen und nicht selten schrillen Diktion zum Ausdruck brachten.

Das Apollon-Heiligtum in Delphi [1] entwickelte sich in diesem Sinne schon in der archaischen Epoche zu einem architektonischen Labor. Hier findet sich mit dem Schatzhaus des korinthischen Tyrannen Kypselos (2. Hälfte 7. Jh. v. Chr.) die erste griechische Baustiftung, von der wir Kenntnis haben. Von diesem vielleicht ersten Schatzhaus ist kaum noch etwas erhalten. Die spärlichen Reste des Fundaments lassen erkennen, dass es sich um einen einfachen Rechteckbau gehandelt haben muss, dessen einzigen Raum man durch eine Tür an der Stirnseite des Gebäudes betreten konnte. Wenige Jahrzehnte später entstanden in der Nachbarschaft dieser Baustiftung zwei Schatzhäuser, die zu dem Originellsten zählen, was die griechische Architektur hervorgebracht hat.[2] Die Sikyonier haben die Bauten um 500 v. Chr. Planmäßig zerlegt und ihre Bauglieder zur Fundamentierung ihres neuen Schatzhauses verwendet. So fand man Säulenschäfte und Architravblöcke, Gebälkstücke und Mauerquader akkurat aufgereiht im Unterbau des frühklassischen Sikyonier-Schatzhauses. Offenbar hatte man sich bemüht, die etwa 700 Bauteile möglichst unversehrt zu lassen; was man nicht unterbringen konnte, wurde in der unmittelbaren Umgebung sorgfältig vergraben. Man darf also von einer regelrechten Bestattung sprechen, die uns heute ihre Rekonstruktion erlaubt. Der wohl etwas ältere der beiden Bauten (580/560 v. Chr.), für den sich die Bezeichnung Alte Tholos eingebürgert hat, scheint der erste von Säulen umgebene griechische Rundbau gewesen zu sein.[3] Über einem dreistufigen Unterbau trugen 13 Säulen ein dorisches Gebälk mit Triglyphenfries. Der Kernbau hatte die Form eines einfachen, wohl fensterlosen Zylinders.

Das Experimentelle des Projekts hat sich in der Baugestaltung niedergeschlagen. Der Entwurf ist in seinen Proportionen aus einfachen Verhältnissen wie 2:3 und 3:4 entwickelt.[4] Ganz unkanonisch ist jedoch, dass die Proportionierung auf die Tektonik keine Rücksicht nimmt, sondern Maße frei miteinander verknüpft. So trugen die Säulen, die selbst für die archaische Epoche von außergewöhnlicher Schlankheit waren, ein unverhältnismäßig hohes Gebälk. Unbekümmert verteilter der Architekt 20 Triglyphen und Metopen gleichmäßig auf die Länge des Frieses, so dass keine Konkordanz mit den 13 Säulenachsen zustanden kommen konnte. Der Umgang zwischen Säulenkranz und Cella geriet so schmal, dass er nur mit Mühe zu begehen war. Das Innere des Schatzhauses muss mit ca. 3,50 m Durchmesser bei einer Höhe von etwa 4 m wie ein enger Schacht gewirkt haben. Der zweite, vielleicht ein bis zwei Jahrzehnte jüngere Bau[5], der unter dem Sikyonier-Schatzhaus ‚begraben‘ ist, zeigt ebenfalls originelle Bauform. Das Geviert von 4 x 5 Säulen umschloss keine Cella, sondern bildete eine offene, baldachinartige Halle. Zugleich trug der außergewöhnlich kleine Bau mit seinen mythologischen Metopenreliefs den ältesten erhaltenen figürlichen Bauschmuck.

Die beiden kleinen, aber sehr ungewöhnlichen Bauten müssen auf die Zeitgenossen wie eine Herausforderung gewirkt haben. Bis Anfang des 5. Jahrhunderts v. Chr. Entstand in Delphi eine ganze Serie von Schatzhausbauten, denen gemeinsam war, dass sie an die Grenzen dessen rührten, was zu ihrer Zeit architektonisch denkbar war. So hielten die Knidier sich mit ihrem Schatzhaus (um 550 v. Chr.) zwar an die gängige Form des Antentempels, ersetzten aber die Säulen durch Mädchenstatuen, von denen ein bedeutendes Fragment im Museum von Delphi bewahrt wird. Ihre prächtigste Ausprägung fand diese Bauform im Schatzhaus der Siphnier (um 524 v. Chr.). Auch hier trugen prächtige ionische Koren mit reich gefältelten Gewändern das Gebälk über den Eingangsseiten. Ein figurenreicher Fries von höchster künstlerischer Qualität umzog auf allen Seiten das Gebäude, und auch die Giebelfelder waren mit aufwendigen Reliefs gefüllt. Besonders die Front des Schatzhauses erhielt so den Charakter einer überreichen Schauseite.

Einer völlig entgegengesetzten Sprache bedient sich der benachbarte Bau der Athener. Seine Pracht entfaltet sich – dezent, aber kaum weniger wirkungsvoll – in der Kostbarkeit des feinen parischen Marmors, in der außerordentlichen Qualität der handwerklichen Arbeit und der Vornehmheit einer wohlproportionierten Architektur. Das Schauhaus der Athener trug zwar auch sehr bedeutende Reliefs, doch ordnete sich die Bauplastik dem tektonischen Gefüge unter.

Der geradezu programmatische Gegensatz zwischen der strengen Formensprache des Athener und der reichen Eleganz des Siphnier-Schatzhauses konnte den Besuchern, die die Heilige Straße emporschritten, kaum verborgen bleiben, denn die beiden Schmuckbauten standen sich unmittelbar gegenüber. Als einen späten Schlusspunkt dieser Entwicklung könnte man das Schatzhaus der Thebaner (nach 371 v. Chr.) betrachten. Der Bau verzichtete nicht nur auf alles schmückende Beiwerk, sondern selbst auf die Säulen der Vorhalle. Die Proportionen des Baukörpers folgen jedoch einem strikten geometrischen Raster.[6]

Über die Funktion der Schatzhäuser ist man nur unzureichend informiert. Sicher ist, dass sie keine Schatzkammern im eigentlichen Sinne waren. Wertgegenstände wie Bundesschätze, Rücklagen oder Edelmetall gab man in der Regel den Priestern der Tempel zur Verwahrung. Deren Schatzkammern traten aber architektonisch kaum in Erscheinung. Die Grundunktion der Schatzhäuserbestand darin, Weihgeschenke aufzunehmen, die zu Ehren des Gottes dem Heiligtum gestiftet wurden. Sie konnten jedoch auch dazu dienen, kultisches Gerät, manchmal auf profane Gegenstände zu verfahren. Die Bezeichnung ‚thesauros‘, aus oder sich die modernen Begriffe ‚treasury‘ und ‚trésor‘ ableiten, meint ursprünglich eher Magazin oder Depot, als verschlossene Kammer. Gelegentlich werden Schatzhäuser auch als ‚naoi‘ und ‚naiskoi‘ beschrieben, was eigentlich Tempel meint. Es konnte jedoch für kein Schatzhaus ein Kult nachgewiesen werden. Ein Schatzhaus unterscheidet sich vielmehr gerade dadurch vom Tempel, dass die in ihm aufbewahrten Statuen nicht in einem fest etablierten Ritus verehrt wurden. In ihrer äußeren Gestalt gleichen die Schatzhäuser dagegen oft kleinen Antentempeln, was zu der terminologischen Verwirrung beigetragen haben dürfte.

Schatzhäuser waren häufig mit überdimensionalen Türöffnungen versehen, die mit Bronzegittern abgeschrankt waren, sodass die Weihgeschenke wie in einem Schaufenster betrachtet werden konnten.[7] Besonders ausgeprägt trifft tritt dies Funktion bei der Gruppe frühklassischer Schatzhäuser im Heiligtum der Hera auf Samos in Erscheinung. Hier nehmen die Türöffnungen, für die Hermann J. Kienast[8] anstelle von Flügeltüren Gitter rekonstruiert, die halbe Breite der Stirnwände ein. Die freie Sicht in den Innenraum mit den kostbaren Anathemata wurde zusätzlich dadurch erleichtert, dass der Architekt auf die Säulen verzichtet hat, die gewöhnlich zwischen den Anten der Vorhalle eingestellt waren. Möglicherweise erklärt sich auch eine zweite Vorhalle auf der Rückseite der Bauten, die in dieser Form sonst nicht vorkommt, aus dem Wunsch, den Innenraum durch die rückwärtige Türöffnung zusätzlich zu erhellen. Vor allem aber war das Schatzhass selbst ein Weihgeschenk an die Gottheit des Heiligtums. Schon die beiden sehr frühen Schatzhausbauten, die im Fundament der jüngeren Sikyonier-Stiftung bewahrt wurden, markieren hinsichtlich ihrer funktionalen Bestimmung extreme Möglichkeiten. In dem engen, schachtartigen Kernbau der Alten Tholos können die Weihgeschenke kaum repräsentativ ausgestellt worden sein. Dagegen muss der baldachinartige Monopteros zwar eine wirkungsvolle Präsentation von Anathemata ermöglicht haben, doch trat hier die Aufgabe, die kostbaren Weihgeschenke sicher zu verwahren, wegen der fehlenden Cella in den Hintergrund. Bei beiden Schatzhäusern stand offensichtlich weniger der praktische Nutzen im Vordergrund als vielmehr ihr Eigenwert im Sinne eines architektonischen Monuments.

Die Formen des Schatzhauses entwickeln sich weniger nach den Vorgaben einer einheitlichen Funktion, sondern, wie sich am Beispiel Delphis aufzeigen lässt, in der Auseinandersetzung mit der architektonischen Gestalt benachbarter Bauten. Auffallend ist, dass die Größe der Bauten über fast 200 Jahre nicht signifikant zunimmt. Dabei stieg die Zahl der Weihgeschenke durch neue Stiftungen beständig, zumal man darauf bedacht war, die älteren Anathemata für die Nachwelt zu konservieren. Als Pausanias das Zeus-Heiligtum von Olympia im 2. Jahrhundert n. chr. Besuchte, konnte er im Schatzhaus der Sikyonier noch Stiftungen der zeit um 600 v. Chr. Beschreiben. Der Bauplatz, der in den umfriedeten Heiligtümern zur Verfügung stand, war zumeist begrenzt. Als der Monopteros errichtet wurde, war das Apollon-Heiligtum noch weitgehend unbebaut, und doch weist der Bau mit 4,2 x 5,57 m geradezu miniaturhafte Ausmaße auf. Gerade indem die praktische Bestimmung der Schatzhäuser gegenüber der autonomen Gestaltung zurücktrat, waren diese Bauten besonders geeignet, die Aufgaben eines architektonischen Zeichens zu übernehmen.

Soweit sich die Geschichte des Schatzhausbaus aus den ergrabenen Monumenten rekonstruieren lasst, scheinen am Anfang der Entwicklung die Tyrannen eine überragende Rolle gespielt zu haben. Nicht das Schatzhaus des Kypselos, auch die Alte Tholos und der Monopteros wurden von einem Tyrannen gestiftet. Obwohl man keine Bauinschriften gefunden hat, die eine eindeutige Identifizierung des Stifters ermöglichen würden, liegt die Annahme nahe, dass es bauten der eigenen Stadt waren, welche die Sikyonier kurz vor 500 v. Chr. Im Fundament ihres neuen Schatzhauses ‚bestatteten‘. Als die beiden Schmuckbauten entstanden, regierte in Sikyon Kleisthenes. Den Rundbau hat er sehr wahrscheinlich errichten lassen, den Baldachin wohl immerhin noch geplant und in Auftrag gegeben.[9]

In der Politik des Kleisthenes spielte das panhellenische Heiligtum von Delphi eine herausragende Rolle. Der Tyrann von Sikyon hatte im Ersten Heiligen Krieg (etwa 595-585 v. Chr.) wesentlich mit dazu beigetragen, die Unabhängigkeit der Kultstätten mit militärischer Gewalt wieder herzustellen. Auch in den folgenden Jahrzehnten blieb Kleisthenes dem Heiligtum von Delphi verbunden. So fragt er das Orakeln nach dem Kult des Heroen Adrastes, den er aus Sikyon verbannen wollte, weil der Held der Sage nach aus der Stadt Argos stammte, die der Tyrann mit allen Mitteln bekämpfte. In seiner Heimatstatt stiftete Kleisthenes sogar Wettkämpfe, die er nach delphischen Vorbild als ‚pythische Spiele‘ bezeichnen ließ. Kleisthenes nutzte das Apollon-Heiligtum von Delphi offenbar systematisch als Bühne für seine Außenpolitik. Er konnte sich nicht nur sicher sein, vor einem Publikum zu agieren, das sich aus einflussreichen Adeligen der gesamten griechischen Welt zusammensetze. Indem er die Unabhängigkeit Delphis sicherstellte und das Heiligtum mit glanzvollen Weihgeschenken bereicherte, konnte er zudem hoffen, das Orakel, das großen Einfluss auf wichtige Entscheidungsprozesse hatte, für seine Ziele einzunehmen. In diesem Sinne waren die Schatzhäuser des Kleisthenes von Sikyon politische Monumente.

Die Korinther vernichteten nach dem Sturz der Kypseliden die Monumente, die dieses Tyrannengeschlecht während seine rüber 70-jährigen Herrschaft errichtet hatte. Am Schatzhaus des Kypselos in Delphi brachten sie dagegen eine Inschrift an, die das Volk von Korinth wahrheitswidrig als Stifter nannte. Die Stiftung des Gewaltherrschers wurde so zum Staatsdenkmal umgewidmet.

Während der Blütezeit der Schatzhausbauten m 6.  Und frühen 5. Jahrhundert gibt es keine Stiftung einzelner Persönlichkeiten mehr. Es sind nun die Stadtstaaten, die sich in den panhellenischen Heiligtümern mit Schatzhäusern repräsentieren. Diese konnten nicht nur Reichtum und die kulturelle Überlegenheit der stiftenden Polis zum Ausdruck bringen, sondern auch spezifischere Gehalte mitteilen. So sind bei Schatzhäusern oft die Eigenheiten der heimischen Bautradition besonders herausgestrichten. Nicht selten brachte man selbst das Baumaterial von zu Hause mit. Zur Zeit der griechischen Bruderkriege gab es das Phänomen, dass sich die Stadtstaaten im Felde mit Waffen bekämpften und gleichzeitig versuchten. Sich in Delphi mir Siegesdenkmälern zu übertrumpfen. Das Schatzhaus, dass die Akanthier nach Delphi stifteten, um den Sieg des spartanischen Feldherren Brasidas über die Verbündeten Athens zu feiern, galt hierfür schon der antiken Literatur als unrühmliches Beispiel.[10]

Wenn auch die Zeichen des politischen Niedergangs der griechischen Welt die Konkurrenz zwischen den Stadtstaaten zur tödlichen Feindschaft ausartete, so darf man doch nicht übersehen, dass der Wettbewerb von Anbeginn an auch als schöpferisches Prinzip wirksam war. Der Agon, der Wettstreit unter Gleichen, war nicht nur ein Wesensmerkmal der archaischen Adelsgesellschaft, er wurde früh schon auf einen gemeingriechischen Maßstab übertragen. Musische oder athletische Agone waren unverzichtbare Bestandteile der religiösen Feste und selbst der Leichenbegängnisse der vornehmen Familien. Solche Wettkämpfe hatten meist einen überregionalen Charakter, denn die adeligen Gäste reisten oft von weither an. Die kultischen Feste und Spiele von Olympia und Delphi zeichneten sich vor allen anderen dadurch aus, dass sie als einzige über Jahrhunderte hinweg ihre Bedeutung für die gesamte griechische Welt behauptet konnten.

Eine wichtige Voraussetzung für den panhellenischen Rang der beiden Heiligtümer war ihre Unabhängigkeit. Es hat nicht an Versuchen der rivalisierenden Mächte gefehlt, die Kultstätten in ihren Machtbereich einzugliedern. Im Unterschied zu den anderen Heiligtümern mit überregionaler Bedeutung wie Samos, Delos oder Nemea, ist es im Falle Delphis und Olympia gelungen, diese Bestrebungen abzuwehren oder auszubalancieren. Dies konnte nur gelingen, weil es die zersplitterte griechische Staatenwelt als ein gemeinsames Interesse erkannte, die beiden Heiligtümer von der Dominanz einzelner Staaten freizuhalten. Das bedeutete auch, dass das Heiligtum nicht selbst zur Macht werden durfte. So wurde von der Kultgemeinschaft der Amphiktyonen, die für das Heiligtum zuständig war, jede Bebauung in unmittelbarer Nachbarschaft des Heiligen Bezirks verboten. Die Stadt Delphi wurde von der Amphiktyonie in strenger Abhängigkeit gehalten, nicht einmal das eigene Bürgerrecht durften sie verleihen. Bei aller Vorsicht, die wegen der problematischen Quellenlage angezeigt ist, kann man in der Delphi-Politik des Kleisthenes von Sikyon wohl das Paradigma dieser Haltung gegenüber den Heiligtümern erkennen. Anstatt wie seine Gegner im Ersten Heiligen Krieg zu versuchen, Delphi unter seine Kontrolle zu bringen, sicherte er die Unabhängigkeit der Kultstätte und nutze sie als Tribüne für seine Politik, indem er sich durch kostbare Weihgeschenke dort engagierte.

In Delphi und Olympia hatten die Stifter mehr als in allen anderen Heiligtümern die Gewissheit, ihre kostbaren Anathemata, die zuweilen die Form eines Schatzhauses annehmen konnten, nicht an einen Ort gegeben zu haben, der unversehens in den Einflussbereich eines anderen Staates geraten könnte. Für die als Staatsdenkmäler besonders anspruchsvollen und auch in der Unterhaltung aufwendigen Schatzhausstiftungen wird dies von großer Bedeutung gewesen sein. An der räumlichen Organisation des Apollon-Heiligtums in Delphi lassen sich die Prinzipien dieser auf Konkurrenz und Unabhängigkeit beruhenden Gemeinschaften ablesen. Die Schatzhausbauten sind fast über den ganzen Heiligen Bezirk verteilt. Ihre Anordnung erweckt zwar heute den Eindruck, als orientiere sie sich am Verlauf der Heiligen Straße, doch ist diese in ihrem oberen Teil nicht antik.[11] Man hat sich wohl eher ein dichtes Wegenetz vorzustellen, das ausgehend von den neun Zugängen den Kultbezirk durchzog. Deshalb lässt auch die Ausrichtung der Schatzhäuser keine übergeordnete Planung erkennen. Wie wir gesehen haben, bildete sich in Delphi auch kein verbindlicher Typus für die architektonische Gestaltung der Schatzhäuser aus. Die Stifterstädte streben vielmehr danach, sich in den Bauformen erkennbar von ihren Konkurrenten zu unterschieden. Die Schatzhäuser von Olympia erscheinen in jeder Hinsicht als das genaue Gegenteil dieser konkurrierenden Vielfalt. Sie befinden sich ausnahmslos am Abhang des Kronoshügels auf einer künstlich angelegten Erdstufe nördlich der Festwiese. Die Fronten der Schatzhäuser weisen einheitlich nach Süden und bilden eine strenge Flucht, sie sich von einem kleinen archaischen Heiligtum bis an den Rand des Stadions erstreckt.

Auch in Olympia umspannt der Kreis der Stifterstädte den gesamten griechischen Kulturraum. Er reicht von Byzantium im Osten über Kyrene an der afrikanischen Mittelmeerküste bis nach Selinus im Südwesten Siziliens und Epidamnos an der Adriaküste im Norden. Wenn dies Städte sich im Vergleich zu den zu den Stiftungen von Delphi dennoch einer relativ einheitlichen Formensprache bedienten, so weist dies darauf hin, dass sich die Stifter als eine Gemeinschaft verstanden. Tatsächlich handelte es sich ausnahmslos um Städte, die dem dorischen Stamm angehörte.[12] So erklärt sich auch, dass wir in Olympia nur Schatzhausbauten dorischer Ordnung antreffen. Neun von ihnen waren Stiftungen von Koloniestädten, das dorische Mutterland war dagegen nur mit Sikyon und Megara vertreten.

An der dorischen Schatzhausterrasse von Olympia lässt sich die eigentümliche Stellung dieser Kultstätte ablesen. Olympia ist uns und war den Griechen der klassischen Epoche vor allem wegen der allen vier Jahren abgehaltenen athletischen Wettkämpfe bekannt. Durch eine umfassende Neuinterpretation der Quellen und der archäologischen Zeugnisse konnte Ulrich Sinn jedoch zeigen, dass anfangs nicht der olympische Wettkampf, sondern das Zeus-Orakel von vorherrschender Bedeutung war. Die olympischen Seher wurden besonders in kriegerischen Fragen um Weissagungen gebeten, was dazu führte, dass oft von weither reiche Weihgeschenke aus der Kriegsbeute nach Olympia gestiftet wurden. So befragten seit Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. auch die dorischen Kolonisten das Orakeln des Zeus Olympios, bevor sie zu ihren wagemutigen Unternehmungen aufbrachen. Mit den Erfolgen dieser Siedlungsbewegung, die vor allem auf Sizilien und in Unteritalien zahlreiche blühende Städte hervorbrachte, stieg auch die Bedeutung des Zeus-Heiligtums von Olympia. Es wurde zu einem kulturellen und religiösen Mittelpunkt der dorischen Siedler, die nun zerstreut an den Küsten des Mittelmeers lebten. In regelmäßigen Abständen konnte sich die Festgesandtschaften der Siedler im Zeus-Heiligtum treffen und so zur Wahrung des Zusammenhalts und der Bindung an die Kultur des Mutterlandes beitragen. Die festlichen Volksversammlungen, zu denen eben auch die sportlichen Wettkämpfe gehörten, gewannen deshalb zunehmend an Bedeutung. Seit dem frühen 7. Jahrhundert nahm die Zahl der Pilger, die zu den großen Festen ins Heiligtum strömten, deutlich zu. Erst jetzt wurde die Kultstätte planvoll ausgebaut und auch die Terrasse, auf der die Dorer später ihre Schatzhäuser errichten sollten, wurde in dieser Zeit angelegt. Nun rückten zunehmend die Spiele in den Vordergrund des Interesses, während sich als Ort des wichtigsten Orakels Delphi durchsetzen konnte. Die Siegerlisten verzeichnen für das 8. Jahrhundert noch vornehmlich Wettkämpfer von der Peloponnes. In der archaischen Epoche wurden die olympischen Spiele dagegen immer mehr zu einem Ereignis, das alle Griechen anging.[13] Als die dorischen Städte im 6. Jahrhundert v. Chr. Ihre Schatzhäuser im Heiligtum des Zeus Olympios errichteten, war dieses längst zu einer panhellenischen Institution aufgestiegen. In der exklusiv dorischen Schatzhaus-Zeile kam jedoch möglicherweise der Anspruch zum Ausdruck, dass dieses von allen Griechen besuchte Heiligtum immer noch als dorische Kultstätte zu verstehen sei.

Die strenge architektonische Geschlossenheit der Schatzhaus-Terrasse dürfte neben der ethnischen Exklusivität auch die kulturelle Zusammengehörigkeit der Dorer und vor allem ihrer in der Ferne lebenden Kolonisten verkörpert haben.[14]  Dabei wurde die Einheitlichkeit dieser Baugruppe erst im Laufe der Zeit hergestellt. Die ältesten Schatzhäuser standen in nur loser Verbindung. Ihre endgültige Ausrichtung erfuhr die Gebäudereihe erst, als sich die Terrasse am Ende der archaischen Epoche füllte. Nun war man bestrebt, Lücken zu schließen und die Reihe zu vervollständigen. So weist das Schatzhaus von Selinus ein ungewöhnlich wenig ausladendes Gesims auf, was sich darauf zurückführen lässt, dass der Bau in eine knapp bemessene Lücke eingefügt werden musste.[15] Wenn die Überlegungen Klaus Herrmanns zutreffen, so kürzte man einen älteren Bau, der sich etwa in der Mitte der Terrasse befand (Fundament VIII) an der Frontseite, weil er mit dem vorderen Teil über die gewünschte einheitliche Flucht hinausreichte.[16] Das Schatzhaus der Geloer, das etwa 560/50 v. Chr. Als isolierter Bau am Westende der Terrasse errichtet worden war, wurde sogar umorientiert, indem man ihm im Süden eine Säulenhalle vorstellte. Nun musste man das Gebäude von der Seite betreten, was das Innere zu einem querrechteckigen Raum machte.

In den Schatzhäusern von Delphi und Olympia kommen somit zwei unterschiedliche Prinzipien zum Austrag. In Delphi strebten die Stifter danach, sich gegenseitig zu übertreffen und die Eigenheiten der eigenen Stadt möglichst prägnant zum Ausdruck zu bringen. Im Heiligtum des Zeus Olympios verkörperten die Schatzhausbauten der dorischen Städte dagegen eine kulturelle Verbundenheit, die eine gemeinsame Identität zu bezeugen und gegen die anderen Griechen abzugrenzen hatte. Doch ist den Schatzhäusern von Delphi und Olympia gemeinsam, dass sie sich durchgängig an ein panhellenisches Publikum wenden konnten, und das war im Verständnis der Griechen die Weltöffentlichkeit.

 

Fußnoten:

[1] Zu den Schatzhäusern von Delphi gibt Michael Maass, Das antike Delphi. Orakel, Schätze und Monumente, Darmstadt 1993, S. 151 ff. einen hervorragenden Überblick.

[2] Didier Laroche u. Marie-Dominique Nenna, “Le trésor de Sicyone et ses fondations”, in: Bulletin de Correspondance Hellenique 144 (1990), S. 241-284.

[3] Florian Seiler, Die griechische Tholos. Untersuchungen zur Entwicklung, Typologie und Funktion kunstmäßiger Rundbauten, Mainz 1986, S. 47.

[4] Seiler, a.a.O., S. 47 ff.

[5] Audrey Griffin, Sikyon, Oxford 1982, S. 107 f.; Seiler (a.a.O., S. 52 ff.) datiert die beiden Bauten dagegen einheitlich in die Jahre 580/60 v. Chr.

[6] Jean-Pierre Michaud, Le trésor de Thèbes, Paris 1973 (=Fouille de Delphes II), S. 11 ff.; vgl. Die Rezension von Wolfram Hoepfner (Gnomon 50, 1978), der die Proportionen des Entwurfs weiter präzisieren konnte.

[7] Peter-Alexander Weinert, Schatzhäuser in griechischen Heiligtümern, ungedr. Magisterarbeit, Berlin 1989, S. 198.

[8] Hermann J. Kienast, „Der sog. Tempel D im Heraion von Samos“, in: Athenische Mitteilungen 100 (1985), S. 121.

[9] Griffin, a.a.O., S.108.

[10] Thukydides 5, 11, 16.

[11] Maass, a.a.O., S. 153.

[12] Möglicherweise stellte das Schatzhaus VII die einzige Ausnahme von dieser Regel dar, wenn es, wie Madeleine Mertens-Horn („Archaische Tondächer westgriechischer Typologie in Delphi und Olympia“, in Hesperia 59 (1990), S. 242.) annimmt, der dorischen Kolonien Siris zuzuschreiben ist. Diese Stadt wurde jedoch schon in der ersten Hälfte des 6. Jh.s von den dorisch-archäischen Nachbarn zerstört und auch das Schatzhaus in Olympia fiel nach kurzer Zeit dem Verfall anheim. Vgl. Ulrich Sinn, „Olympia. Die Stellung der Wettkämpfe im Kult des Zeus Olympios“, in: Nikephoros 4 (1991), S. 48.

[13] Sinn, a.a.O., S. 9 ff.

[14] Arne Behrens-du Maire, „Zur Bedeutung Griechischer Schatzhäuser“, in: Wolfram Hoepfner u. Gerhard Zimmer (Hg.), Die griechische Polis. Architektur und Politik, Berlin 1993, S. 77 f.

[15] Klaus Herrmann, „Die Schatzhäuser von Olympia“, in: Proceedings of an International Symposion on the Olympic Games, 5.-9. September 1988, Athen 1992, S. 31.

[16] Ebenda.

Quelle

Müller, Michael (1994). „Wettstreit und Gemeinschaft. Überlegungen zum griechischen Schatzhausbau“. DAIDALOS. Architektur Kunst Kultur, 53. Ausgabe (15. September 1994).